Spezlwirtschaft


Schneegestöber - nichts als weiße Riesenflocken - vier Uhr morgens. Bertold, der Wirt von Rimsting, beginnt missmutig die Straße frei zu schippen. „Sauwedda elendigs“.

Plözlich wackelt eine schwarze, viereckige Gestalt direkt auf ihn zu.

 „Wea is iatzt des? - Des is ja a Sarg! Ja varreck dea hod ja zwoa Fiass!“

Bertold reibt sich mit den Fäustlingen über die Augen. Tatsählich, da läuft ein Sarg auf zwei Beinen schnurstracks auf ihn zu.

Der Sarg macht vor Bertold Halt. Der starrt verblüfft auf ein Fensterchen im Sargdeckel, das nett mit schwarzen Spitzen umrahmt ist. Der Vorhang bewegt sich lleicht. - Ein blasses Gesicht erscheint in der Öffnung. „Een scheen gudn Daach. Meen Name is Dragullschen. Isch bin Fambir auf Wanderschaft. Is es mejlisch, dass isch bee Ihn ibern Daach schlofen ggönt?“    

„Wos bisd’n du füa oana? Wuisd me dablecka?“

„Endschuldijen sie, isch bin een eschter Fambir. Sogar mid Zerdifigaat und Schdembl aus Siebnbirschen.“

„Ja mi leckst am Orsch.“

Bertold stapft um den Sarg herum, baut sich dann wieder vor dem schmalen Handtuch in der Kiste auf.

„A echter Vampir bist? Host du übahaupts gnua Geid?“

„Nu isch gönnt dafir aarbeidn. Schneeschibbn fielleischt?“

„Jo - guad. Du machst de Straß frei und’n Hof, dann konnst do schlafa. Dei Heisl bringst am bestn in Stodl eine.“  

Draculchen schält sich aus seinem Sarg, langt nach der Schippe und beginnt zu schaufeln.

Bertold schaut ihm noch eine Weile kritisch zu, dann nickt er zufrieden. „Wennst featig bist, kimmst eine“, dreht sich um und stapft ins Haus.   

Schnee schippen ist Knochenarbeit. Draculchens Magen knurrt laut. Vor Sonnenaufgang muss er unbedingt noch frisches Blut haben.

„Der Wird is mir zu groß. Aba daa missen doch noch mehr Leudschen schlaafen“.

Hungrig wandert sein Blick über den Balkon, der rund um das Haus führt. Ein langer, dunkler Eiszapfen gegenüber fällt ihm auf. Seltsam dunkel für Eis. Der Vampir schnuppert nach oben. Das ist Blut. Seine Hand schnellt hoch, bricht den eisigen Blutzapfen ab. „Nu so nen Service, häb isch gaar nich erwaarded“. Genüsslich schlägt er die spitzen Zähne in das Eis am Stiel.

Frisch gestärkt schippt Draculchen eifrig weiter. Nur noch der Berg einer Dachlawine unter dem Balkon ist übrig. Das muss er schaffen, denn lange dauert die Nacht nicht mehr. Da bleibt plötzlich die Schippe an einem Hiindernis hängen. „Ei verbibbsch nochmaal! - Daa liescht n Mensch. Dief gefrorn – lecker! - Eene gaanze Leische nur fir misch.“

Gerade überlegt Draculchen wie er den kostbaren Block gefrorenen Blutes rund um die Leiche, am besten aufbewahren könnte, da reißt ihn ein gellend schriller Schrei zurück.

Mit einem Kerzenleuchter in der erhobenen Hand stümt eine zierliche Person in einem dicken Morgenmantel über die Treppe vom Balkon in den Hof.

„Isch, …, isch waar des ned. Isch haab’n nur ggefundn. Ehrlisch. Isch haab Schnee ggeschibbd un da laach er under eener Laawine ….“

Bertold stümt aus dem Haus, sein Töhterchen Resi hat um Hilfe gerufen.

„Pappa, Pappa, schau nur. Mein Alois ist tot. Mein geliebter Alois. Er hat meinen Alois umgebracht.“ Resi wirft sich schluchzend in Bertolds Arme. „Kimm Deandl geh zua Mamma ind Kich. Um des do küma mi scho i.“

Bertold dreht sich zu dem zitternden Vampir um. „Dia weamas zoagn. Du vadammta Vampia. Do gibt ma da a Awat und an Plotz zum Schlafa und dann bringst du den Alisi um.“

 „Isch – isch haab’n doch nur ggefunden. Er laach under dem gganzen Schnee vom Dach. Een ganzer Bersch waar des. Und ob’n driber war een bludicher Eiszapfen.  – Gud den haab isch ggeggessen. - Und eene Leider war och noch under dem Bersch. Aber bitteschö, ggönt’n mer bitteschö in de Scheune ggehen? Es wird ggleisch Daach.“

 „Wosd ned sogst. Des schaug i mer zerscht o.“

Bertold packt Resis Kerzenleuchter und untersucht die Leiche, dann die Leiter. Dicke rote Eiskrusten führen ihn bis an das abgesplitterte Ende eines Holms. Am zweiten, ganzen Holm hängt ein prall gefülter Sack. Aus einem Riss hängen ein paar schwere goldene Ketten. Bertold schaut nach oben. Auf dem Dach fehlt der Schnee genau unter der Dachluke über Resis Zimmer.

 „Zefix. Dea Dreckskeal woid nix von meina Resi. Dea woid nua mei Geid. Im Speicha hob I a bissal wos vasteckt. Und des hod der Saugrippe dea elendige klaut. - Dea ko ned do lieng bleim. Wos mach i iatzt do? Und Polizei deaf des a ned dafarn.“

„Ggann isch ehn vielleischt helfen? Wenn isch rischtisch versteh, is ihn de Leische do im Weg, ja?“

Bertold nickt zerknirscht. „Wia wuist mia iatzt du heifa? Du bist doch a Zuagroasta und host vo nix do a Ahnung.“

„Nu isch ggenn misch hier nischt aus, aba isch haab so meene Erfahrungen mid dem Beseidischen von Leischen.“

Bertold packt Draculchen am Arm. „Wos du moanst du konnst mai wikle heifa. Soi dei Schodn ned sei. I bi no koam wos schuidi bliem.“

„Wir missn hinne machen, es is baald Daach. - Wen ggönse denn gar nischt leiden im Dorf?“

„No an Buagamoasta, dea Gloife wui ois bei uns an de Preissn varamschen. A boa im Somma is ja guad. Aba ganze Siedlungen, des hoidsd ned aus.“

„Also der Bürchermeester. Daa brochen mir een Waachn oder so. Und dann had der Bürchermeester das Problem mid eener Leische im Garden. Had der vielleischt och een Döchderschen?“

„Ja freili, so ausgschamte Bisgurrn. Du moanst?...“

Bertold holt schnell eine Schubkarre und eins, zwei, drei ist die Leiche verladen, - samt Leiter, einem großen Teil des gefrorenen Blutes und der abgebrochenen Leiterspitze in ihrem Rücken. Im Nu sind die zwei Gestalten mit ihrer Fracht am Haus des Bürgermeisters. Draculchen steigt in die Stiefel des Toten und legt Spuren. Dann drapiert er mit Bertolds Hilfe Leiche und Leiter unter das Fenster der Bürgermeisterstocher. Mit einem Besen verwischt der Vampir  geschickt die eigenen Spuren. Schon sind sie wieder zurück. Keiner hat sie gesehen. Noch ein wenig geschippt und der Hof ist einheitlich weiß und sauber.

Ehe die Sonne aufgeht kann Draculchen einen Teiil des gefrorenen Blutes von der Fundstellle knabbern. Dann zieht er sich zufrieden in seinen Sarg zurük.

Am frühen Abend weckt ihn Bertold ganz sanft, indem er ihm eine dampfende Schüsel frisches Blut unter die Nase hät. „Do lass das schmecka.“  

Der Duft weckt Vampire sofort. „Dangge. Woher haben sien das?“

„I hoff des is recht, i hob des letzte Eis aufgwarmt.“

Laut schlürfend nimmt Draculchen einen tiefen Schluck, „gödlisch!“

„Oiso, vo dia woas koana“, Bertold setzt sich nahe neben ihn. „I hob ma wos übalegt. I woid scho oiwei wos aus dem oidn Stodl macha. Du kannst do an Nachtclub aufmacha. - Vaschtehst?“

„Das weer schön. Sie sin aba och zu giidich.“

„Sog ruhig Bertl und du zu mia, iatzt wo ma soiche Spezln san. I moan wennsd vielleicht Preissn mogst. Mia hamm nämlich vui zvui Preissn do. Do konnst de dann austobn. Kemma zam?“

Draculchen schlägt grinsend in die dargebotene Hand ein. „Berdl, alder Spezi, ja da ggön mer Bardner werdn.“

„Guad. Dann ziagst iatzt aufn Speicha - bis Gros üa des ganze gwachsen is. I kimmad me um de Genehmigunga beim Buagamoasta. Dann sog i, i hob di aus Minga kemma lossn.“ Bertold packt Draculchen am Arm. „Kimm Spezl zerscht dring ma a Mass auf unsa neis Gschät.“   

Spät in der Nacht wankt Draculchen mit seinem Sarg auf den Speicher. Im Geist sieht er schonll preußische Happen unter seinen Zähnen.

© Anna Banfhile, 2005


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